Übertrieben oder genau richtig?

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In Indien habe ich jemanden kennengelernt, der erst im Nachhinein etwas wirklich „Besonderes“ wurde. Ich denke oft über ihn nach, nicht, weil er mir besonders gefällt, sondern weil er etwas getan hat, wovon ich nicht weiß, ob ich es bewundern oder als Blödsinn abtun soll.

Viele Menschen wissen, dass in Indien noch das Kastendenken herrscht. Die Leute heiraten nur in ihrer eigenen Kaste, suchen sich also mit Absicht einen Partner, der der eigenen Kaste angehört – wenn sie es sich denn überhaupt aussuchen dürfen. In der Regel sind die Heiraten arrangiert, wie im Mittelalter in diversen Königshäusern. Und genau da liegt das Problem. Auch in Indien fällt die Liebe irgendwohin, ungeordnet, ohne Kastenschema. Und da ist es leicht, dass jemand aus der einen Kaste sich in jemand anders aus einer anderen Kaste verliebt. Selbst in meiner verhältnismäßig kurzen Zeit, die ich dort verbrachte, habe ich einige Dramen mitbekommen. Ich habe mühsam versucht, mich herauszuhalten, und Kritik am Kastenschema herunterzuschlucken. Das ist mir oftmals nicht gelungen, die Leute klagten mir ihr Leid. So auch mein Freund, von dem ich hier erzählen möchte. Da ich ihn nicht bloßstellen möchte, nenne ich ihn in meiner Geschichte Sam. Sam ist verliebt, schon seit ein paar Jahren. Das Mädchen ist seine beste Freundin, sagt er jedenfalls. Er würde am Liebsten Tag und Nacht bei ihr sein. Er tut alles für sie, führt sie zum Essen aus, tröstet sie, wenn sie Probleme mit ihren Eltern hat und versucht, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Doch irgendwann steht er vor ihrem Haus und möchte ihren Vater fragen, ob er sie heiraten darf. Er findet ihn nicht, aber seine Freundin merkt, dass er da ist und ist schrecklich wütend. Ihr Vater ist streng, und er mag keinen männlichen Besuch bei sich zu Hause, egal was er dort will. Sam ist tief getroffen und trifft eine Entscheidung, die mit Sicherheit sein Leben verändert. Er kündigt seinen Job und zieht in einen anderen indischen Staat, lässt alles hinter sich, um ein neues Leben anzufangen, nur damit sie wegen ihm nicht mehr Scherereien bekommt. Angesichts der Tatsache, dass Mumbai 12 Millionen Einwohner hat, und es damit recht schwer sein dürfte, ein und dieselbe Person (ohne vorher ausgemachtem Treffpunkt) zweimal über den Weg zu laufen, ist das schon ein starkes Stück.

Bevor er in diesen anderen Staat zog, rief er mich an, mehrmals (das dürfte recht teuer geworden sein von Asien nach Europa), und schrieb Emails und SMS. Er fragte um Rat. Ich sagte ihm, er sollte sich das überlegen, das ist doch Blödsinn, warum sollte sie wollen, dass er umzieht? Was ist mit seiner Familie, seinem Job, seinen Freunden? Er meinte, ohne seine Freundin hätte auch der Kontakt zu anderen keinen Zweck mehr.

Irgendwann schrieb er, dass er nun seine Koffer packt und geht, und dass auch Gott keinen anderen Ausweg für ihn hätte. Das war seine letzte Email. Er meldet sich nicht mehr. Ich überlege mir, wo er ist, was er macht, und ob es ihm gut geht. Und ob ich für meine große Liebe auch soweit gehen würde. Ich bin anders aufgewachsen, ich darf lieben und heiraten wen ich will. Andere Leute haben nicht soviel Glück. Würde ich dasselbe tun, um meine Liebe zu schützen? Bollywoodfilme sind wohl doch nicht so übertrieben, wie ich gedacht habe. Solche Dinge passieren.

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