Heute ist Samstag. Eigentlich wollte ich heute meinem Guru im Büro helfen, die nächste Woche vorzubereiten. Aber ich habe zwischendurch den Wecker ausgestellt, ich war noch zu müde von gestern.
Der Monsun hat mittlerweile Mumbai erreicht. Die Inder sind happy, ich bin weniger glücklich. Der Regen ist wirklich heftig. Gestern haben wir eine halbe Stunde im strömenden Regen auf eine Riksha gewartet. Keiner wollte zu der Straße fahren, an der unser Apartment liegt, wegen der tiefen Löcher in der Straßendecke. Die Regenjacke brachte nicht viel, ich befürchtete eine Erkältung. Wasser tropfte von meiner Nase. Meinem Kollegen ging es nicht besser, er hatte nicht einmal eine Kapuze. Ein Passant hatte Mitleid mit uns. Er unterhielt sich mit meinem Kollegen und fragte, was das Problem sei. Er versuchte einen Rikshafahrer (der mit nackten Füßen durch die Pfützen lief) dazu zu überreden uns mitzunehmen, natürlich auf Hindi. Keine Chance. Seltsamerweise war ich nicht verzweifelt. Vielleicht ein bisschen bedrückt, aber viel mehr machte mir die Situation nicht aus. Schließlich rannte der nette Mann zur nächsten Riksha, hielt sie an und sprach mit dem Fahrer. Dieser nahm uns dann mit. In Deutschland wäre sicher jeder auf sich selbst gestellt. Ich war dem wildfremden Mann mit dem schwarzen Regenschirm sehr dankbar. Dem Rikshafahrer gaben wir sogar ein bisschen Trinkgeld (was nicht üblich ist). Schlagartig besserte sich meine Laune, als ich vor dem Apartment stand, um meinem Kollegen bei seiner wohlverdienten trockenen Zigarette Gesellschaft zu leisten.
Nach einem Klamottenwechsel trafen wir uns, um mit Dipa (oder so ähnlich, jedenfalls dem Mann von der Rezeption) zu kochen. Er wollte uns zeigen, wie man Frühlingsrollen macht. Ich dachte mir schon, dass das sehr interessant werden würde. Er brachte einen Wok mit und verschiedene Pülverchen und Hähnchenfleisch, und natürlich Gemüse. Ich vermutete schon, dass er auch den Teig selbst machen würde. Doch zuerst kümmerte er sich um das Hähnchenfleisch. Er sagte, er würde das Hähnchen separat machen, da es Knochen hat. Ja, so sah es auch aus. Nicht gerade appetitlich, als hätte man ein ganzes Hähnchen genommen und in kleine Teile zerhackt, vielleicht sogar inklusive Innereien. Unwillkürlich dachte ich an alte Frauen in Afrika, die sowas sicher gerne zubereiten würden. Ich war jedenfalls gespannt. Er briet Zwiebeln und Tomaten an, und schüttete ein gelbes Pulver dazu, dessen Namen ich vorher nie gehört hatte. Es war jedenfalls nicht Kurkuma. Später kam ein Masala dazu, ein Pulver (aus Chili und anderen Gewürzen), das mit Wasser zu einem Brei verrührt wird. Es war eine dunkelbraune Masse. Zusammen mit dem Gemüse sah das sehr seltsam aus, vielleicht sogar ein bisschen wie Babybrei. Und dann kam das gewaschene Fleisch dazu, mit Knochen und allem, und wurde mit dem Brei verrührt. Ich dachte seltsamerweise an den Song von den Ärzten, “Dinge von denen”, indem es heißt: “Künstlicher Darmausgang, na schönen Dank, mein Hunger war passé”. Dipa eröffnete mir, dass er das extra für mich kochen würde, weil ich Hähnchen mag. Aha. Na klasse. Hätte ich bloß meine Klappe gehalten! Ich grinste schüchtern. Irgendwann kam ich dann in die Situation, probieren zu müssen. Naja, dachte ich, es würde mich nicht umbringen. Mutig nahm ich eins der Hähnchenschenkelchen und knabberte daran. Es schmeckte hervorragend. Ich musste zwar aufpassen, nicht auf Knochenstückchen zu beißen, aber man kann ja nicht alles haben. Dipa dachte, ich würde das Essen wegwerfen, als ich die Knochen wegschmiss, aber ich beruhigte ihn, dass es mir wirklich gut schmeckt und dass das nur Knochen seien, die im Abfall landeten. Ich fragte ihn nach dem Namen des Gerichts. “Chicken Masala”, sagte er. Das hätte ich mir auch selbst denken können, Inder sind in Sachen Namengeben für Gerichte sehr einfach gestrickt. Chicken Masala heißt nichts anderes als Hähnchen in Soße. Es schmeckte scharf, aber sehr gut. Ich mochte es.
Wir baten Dipa, uns auch zu zeigen, wie er Frühlingsrollen macht. Der Anfang sah genauso aus wie zu Hause, Gemüse schnippeln und anbraten, und ein bisschen würzen. Beim Rest musste ich allerdings passen. Mehl und ein anderes schneeweißes Pulver wurden mit Eiern verrührt. Das sollte also der Teig sein. Er ölte den Wok und ließ einen Teil des Teiges hineinlaufen und verteilte ihn darin gleichmäßig. Dann kam der Wok wieder auf die Flamme. So macht man also den Teig! Er löste sich mehr oder weniger leicht aus der Pfanne, so dass runde Teigplatten entstanden. Dipa sah unsere Begeisterung und grinste. Der Rest ging wie immer, Gemüse rein, zuklappen und in der Pfanne zu Ende braten.
Allerdings mochte ich den Teig nicht, ich glaube er war etwas versalzen. Es schmeckte, als hätte ich ein Centstück im Mund. Ich nahm mir mehr von dem Hähnchen, damit ich später sagen konnte, ich wäre zu voll, um die Frühlingsrolle zu Ende zu essen. Ich wollte ihn nicht beleidigen. Er fragte später ob wir Reis mögen, und als wir bejahten, verkündete er, dass er nächste Woche gerne Reis für uns kochen würde. Ich bin schon sehr gespannt darauf.
Später stiegen wir, wie letzte Woche, aufs Dach. Ich zog mir meine Gummistiefel an, denn oben stand alles unter Wasser. Im leichten Regen, er hatte endlich nachgelassen, mit den Füßen im Wasser, standen wir oben und tranken Budweiser Bier. Wir sprachen über Gott und die Welt, über Religionen, Freundinnen, Discos und über Eltern, die einem in Deutschland Freiheit lassen, in Indien aber nicht. Verträumt schauten wir über die Stadt und sinnierten darüber, was wir erwartet haben, bevor wir nach Indien kamen. Mein Kollege wollte seine Persönlichkeit ändern, ich wollte Indien sehen und erwachsen werden. Dipa hörte sich das alles an und nickte. Er könnte sich das gut vorstellen. Mein Kollege sagte, gerade in meinem Alter, zwischen 24 und 25, würde es einen Einschnitt im Leben geben, der uns den Rest des Lebens begleiten würde. Irgendwie glaubte ich ihm. Aber was passiert mit einer Frau, die in dieser Zeit in Indien ist, für ein paar Monate? Vielleicht werde ich eine ganz besondere Persönlichkeit.
Nachdenklich nippte ich an meiner Flasche. Dipa bat mich, ein deutsches Lied zu singen. Mir fiel nichts ein außer Hänschen Klein, aber er wollte ein Liebeslied. Ich war ziemlich beruhigt, wenn ich keins kenne, muss ich auch keins singen. Der Regen hatte aufgehört und der “Swimmingpool”, eine große Pfütze auf dem Dach, schwand. Ein schwacher Wind wehte. In Mumbai wurde es still.
Juli 29th, 2008 at 09:25
Ich lese Deine Eruählungen und muss ich immer wieder lächeln. Es erinnert mich an die Zeit als ich nach Deutschland kam: alles neu und ungewöhnlich. Sogar das Wetter.
Du machst es aber schon richtig: alles ausprobieren und von gar nichts erschrecken
Ich hoffe Dir geht es mittlerweile ein bisschen besser.
Alles Liebe,
Tiladun
Juli 29th, 2008 at 10:30
Ja, mir geht es mittlerweile besser. Was ich bisher nicht ausprobiert habe, sind die indischen Toiletten, und solange ich Alternativen sehe, will ich das auch in Zukunft nicht! Ich denke heute Abend kommt ein Blog-Update.
Was bedeutet dein Name?
Bussi,
Kerstin
Juli 29th, 2008 at 13:19
Ich freue mich es zu lesen, dass es Di besser geht.
Und deswegen auch die Nachname:
Ich würde es Dir auch nicht empfehlen sie auszuprobieren.
Tiladun hat mir einfach so, als Name, gefallen für ein cooler blauer Krieger
Ryuu = Drache auf Japanisch
Tsuki = Mond auf Japanisch
Verweis: http://www.behindthename.com/
Irgendwann mal würde ich gern in Japan reisen.
Bussi zurück