7. Tag

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Die erste Woche ist herum. Von Montag bis Freitag sitzen wir eigentlich den ganzen Tag im Büro, und erst jetzt am Wochenende können wir ein wenig die Gegend erkunden. Naja, zumindest solange, wie es mein Bauch zulässt. Wie erwartet, habe ich Durchfall, und Imodium akut hilft nicht oder nur bedingt (bis zum nächsten Essen). Ich esse nur wenig, manchmal lasse ich auch Mahlzeiten ausfallen. Ich habe lieber Hunger als Durchfall. Gut geht es mir nicht. Die Hitze macht mir zu schaffen, und die Luft auch. Ich will nicht jammern, aber es ist einfach so… Eine „richtige“ Diät mit Zwieback kann ich nicht machen, ich wüsste nicht woher ich Zwieback nehmen sollte. Ich trinke Cola, obwohl ich nicht glaube, dass das in irgendeiner Weise hilft. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass es mir bald wieder besser geht. Ich habe nun mal einen empfindlichen Magen, was die Mahlzeiten in Mumbai nicht gerade versüßt.
Gestern war ich mit meinem Kollegen und einem Mann von der Rezeption (ich weiß nicht wie er heißt) auf dem Dach des Hotels, ein Bierchen trinken. Von irgendwoher hatten wir Carlsberg aufgetrieben. Das Zeugs kann man wie Wasser trinken, irgendwie war da kaum Alkohol drin. Bis spät in die Nacht waren wir dort, um zu quatschen. Über Mumbai, über Deutschland und über Gott und die Welt. Ich glaube, wir waren auf einer Wellenlänge. Über Mumbai fliegen eine Menge Fledermäuse, ziemlich große Viecher. Zum Vollmond gestern kamen wir uns vor wie in Transsylvanien. Naja, ich jedenfalls. Es fing kurz an zu regnen, aber wir merkten es kaum. Ich war fast ein wenig enttäuscht. Unter Monsun hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. „Rain will come!“ sagte der Mann optimistisch. In der Zeitung machen sie sich etwas Sorgen, weil es ungewöhnlich trocken ist für die Jahreszeit. In Deutschland mögen wir keinen Regen, weil es genug davon gibt. In Indien ist es anders, weil es nur in ein paar Monaten des Jahres regnet, nämlich während des Monsuns. Die Leute freuen sich über Regen. Ich würde gerne etwas von dieser Freude mit nach Hause nehmen.
Heute sind wir das erste Mal mit der Riksha gefahren. Ein Security-Officer vom Hotel hielt sie extra für uns an und sagte dem Fahrer, wo er hin soll. Ist vielleicht auch besser so, manche Rikshafahrer können kein Englisch. Das Ding ist erstaunlich geräumig innen, man muss sich nicht zu zweit nebeneinander quetschen sondern hat genug Platz. Ich kann jedem Indienreisenden nur empfehlen, einmal Riksha zu fahren. Es ist zwar recht abenteuerlich, man kann sich kaum unterhalten und das Ding kippelt schon mal gern, aber irgendwann kommt man schon ans Ziel. Wir wurden auch nicht mit dem Preis veräppelt. Was mich erstaunte war, dass der Fahrer das Geld nahm, küsste, an die Stirn hielt und offensichtlich betete. Vielleicht ein weiterer Aberglaube.
Wir sind zum SEEPZ, dem von der Außenwelt abgeschnittenen indischen Silicon Valley, gefahren. Dort, wo unsere Firma ihren Sitz hat. Nur mit einem Ausweis kommt man hinein. Wir beschlossen, in der Firma vorbeizuschauen, um Emails zu lesen. Dort trafen wir Seema, unseren „Guru“. Sie soll uns die Technologie beibringen, und sie hat uns in der ersten Woche immer geholfen, wenn wir Probleme mit irgendwas hatten, und ging jeden Tag mit uns Mittag essen (mit Ashish und Ashwani, zwei weiteren Kollegen). Sie lud uns ein, in die Stadt zu fahren, um mit ihr einen Film im Kino anzusehen. Wir freuten uns über die Einladung. Vor dem Eingang zum SEEPZ wartete ihr bester Freund, dessen Name ich schon wieder vergessen habe, der aber auch für die gleiche Firma arbeitet. Wir teilten uns auf zwei Riskhas auf und fuhren zu einem Einkaufszentrum. Ich fuhr mit Seema. Was ich ungewöhnlich fand war ihre Frage nach meinem Schmuck. Ich bin noch nie gefragt worden, wo ich meinen Schmuck her hätte, aber ich erzählte es ihr gerne. Sie fragte mich auch nach meiner Familie, wie jedes einzelne Familienmitglied heißt. Es muss also wirklich stimmen, dass die Familie über allem steht in Indien. In Deutschland hätte ich solche Fragen als unangenehm empfunden und hätte darüber nachgedacht, zu welchem Zweck er/sie fragt. Vielleicht habe ich mich doch schon ein bisschen angepasst. Ich denke nicht so sehr darüber nach und freue mich nur, dass die Leute gerne mit mir reden. Mitten in Mumbai standen wir im Stau. Nichts ging mehr. Die Luft war grau von den Abgasen, zwischen den Autos liefen Menschen hin und her. Ich war fasziniert. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir dann beim Shoppingzentrum an. Wie an einem Flughafen mussten wir durch eine Überwachungstür gehen, und unsere Taschen wurden kontrolliert. Das ist ein seltsames Gefühl. Die Leute scheinen Angst zu haben, dass jemand eine Bombe mitbringt oder ähnliches. Das machte mich irgendwie traurig. Keiner in Deutschland muss Angst vor einer Bombe haben, warum also in Indien? Die Inder sind doch ein friedliebendes Volk. Ich habe gelesen, dass es Hindu-Fanatiker gibt, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Aber warum, habe ich nicht verstanden.
In einem Buchladen kauften wir eine Karte von Mumbai. Ich mag Buchläden, und dieser war einer mit einer CD-Abteilung. Ich würde sicher später noch einmal zurückkommen, für ein Buch über Yoga und eine CD mit indischer Musik, als Souvenir. Das Kino war leider voll, und der Film hatte schon angefangen. Es war ein Bollywoodfilm namens „Kismat Konnection“. Seema erklärte uns, dass Kismat Glück bedeutet. Wir hatten schon ein paar Mal im Fernsehen die Vorschau für diesen Film gesehen und waren neugierig, obwohl wir nichts verstehen würden. Auch in einem anderen Kino hatten wir kein Glück. Seemas Freund versprach, dass wir es nächste Woche noch einmal versuchen würden, diesmal mit einer Kartenvorbestellung. Stattdessen kehrten wir schwitzend (ja, die Hitze vertrage ich nicht) in das Shoppingzentrum zurück und kehrten in einem Lokal ein. Es war amerikanisch angehaucht, dort gab es sogar Steaks. Aber wir blieben bei paniertem Käse mit Nudeln drin und einer Tomatensauce (ja, das war wirklich lecker!), stark gewürzten Reis mit gebratenem Hähnchen und Brokkoli. Auch hier aßen wir quasi von einem Teller, jeder nahm sich hier und da einen Bissen und legte es auf seinen kleinen Teller – mit der eigenen Gabel, auch wenn diese schon benutzt war. So etwas kümmert die Leute hier nicht. Auch die Flasche Mineralwasser wurde brüderlich geteilt. Ich habe damit zum Glück keine Probleme. Ich genoss das Essen. Ich finde, es hat etwas Freundschaftliches, wenn man keinen „eigenen“ Teller hat. Seemas Freund machte Fotos von uns mit seiner Handykamera. Ich glaube, Sympathie gab es auf beiden Seiten. Leider musste Seema nach Hause, sie würde zwei Stunden bis nach Hause brauchen. Mein Kollege und ich fuhren mit der Riksha zum Apartment, und kamen auch gesund an. Ich glaube ich kann mich daran gewöhnen.

6 Kommentare zu “7. Tag”

  1. Haramis schreibt:

    Das ist aber schade, dass du das Essen nicht verträgst … Gute Besserung! 🙂

  2. HappyKerky schreibt:

    Schade ist noch gar kein Ausdruck dafuer 😉 Danke dir 🙂

  3. David schreibt:

    Na, vielleicht gewöhnt sich dein Magen da noch dran – wahrscheinlich so drei Tage vor dem Heimflug.

    Auf jeden Fall wünsch ich dir gute Besserung und trotzdem eine schöne Zeit!

    Ich vermiss dich!

    P.S. Heute hängen wir im Scala die Bilder deiner Mutter auf!

  4. HappyKerky schreibt:

    Ich vermiss dich auch 🙁

    Ja mein Daddy hat mir schon erzaehlt, dass das klappt und du ihr hilfst. Danke dafuer! Evtl schaff ichs demnaechst in ICQ online zu kommen.nn1nn1nn1nn1nn1

  5. David schreibt:

    Die Bilder hängen und ich hab dich leider bei Skype verpasst 🙁
    Aber sieht gut aus im Scala!

    Für alle anderen Mitleser: Watelerstr. 2-4 in MG-Rheydt!

  6. Henning schreibt:

    Hi Kerstin,

    hab alles bisher gelesen und finde Deine Beiträge echt spannend geschrieben. Ich wünsch Dir ne gute Besserung und hoffe, das Du schnell wieder auf dem Dampfer bist.
    Bis demnäx mal

    Henning

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